Im November 2003 beschrieb der damalige Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit seine Stadt so: „Wir sind zwar arm, aber trotzdem sexy.“ An Strahlkraft oder als Anziehungspunkt hat Berlin seitdem kaum verloren. Berlin zeigt sich ganz im Gegenteil immer noch attraktiv und wuchs in den letzten zwanzig Jahren sogar noch einmal um mehr als 300.000 Einwohner. Obwohl heute wie damals weiterhin das meiste Geld aus dem Länderfinanzausgleich nach Berlin fließt, gibt es ebenso auf der wirtschaftlichen Seite jede Menge positive Trends für Berlin.

Berlin Straße

© David Mark / Pixabay – Ist Berlin doch nicht mehr so arm?

Berlin erwirtschaftet mehr

Im Jahr 2022 belasteten hohe Inflationsraten die Kaufkraft der Berlinerinnen und Berliner. Dabei hatten sie seit 2018 bis ins erste Jahr der Corona-Pandemie 2020 gerade erst kontinuierlich die Berliner Wirtschaftsleistung pro Kopf auf mehr als 42.000 Euro gesteigert. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bescheinigt der Stadt damit eine Wirtschaftskraft, die sich 2020 rund fünf Prozent über dem Bundesdurchschnitt bewegte. Damit erreichte Berlin zwar noch nicht die wirtschaftliche Vorreiterrolle anderer europäischer Hauptstädte in ihren Ländern, holt jedoch zumindest langsam auf.

Wirtschaft als Antrieb für die weitere Entwicklung der Stadt

Mit der BerlinStrategie gibt es längst ein Entwicklungskonzept, wie sich die Stadt bis zum Jahr 2030 und darüber hinaus weiterentwickeln soll. Während es Berlin an abwechslungsreichen Sehenswürdigkeiten oder einem bunten Nachtleben nicht mangelt, fehlt der Stadt vor allem bezahlbarer Wohnraum.

Die Zahl der Neubauten oder die Sanierungen im Bestand hinken seit Jahren der Bevölkerungsentwicklung hinterher. Dadurch wurden Wohnungen jeder Größe nicht nur knapp, sondern genauso regelmäßig teurer. Das kann letztlich auch weiteres Wachstum ausbremsen, wenn Menschen deswegen die Hauptstadt verlassen. Gleichzeitig ist der Berliner Senat auf Wachstum angewiesen. Denn dieses bedeutet steigende Steuereinnahmen, mit denen sich neben anderen Ausgaben auch noch zusätzliche Bauprojekte finanzieren lassen.

Verbesserung auch auf dem Arbeitsmarkt

Ein positives wirtschaftliches Umfeld zieht außerdem Investoren und Unternehmen an. Jedes einzelne stärkt die positive Entwicklung der Berliner Wirtschaftskraft, die auch 2021 mit etwa drei Prozent über dem bundesdeutschen Schnitt zulegen konnte. „Die Startup-Szene ist nach wie vor intakt“, weiß auch Gerald Groß vom Übersetzungsbüro Dialecta, „das zeigt spezifische die Auftragslage unserer Übersetzer. Lokalisierungen von Webshops, Produktkatalogen und die Übersetzung von Verträgen haben eine ungebrochen hohe Nachfrage.“

Ein Nebeneffekt: Es entstehen mehr Arbeitsplätze und so nahm auch die Zahl der Erwerbstätigen in der Hauptstadt zuletzt um etwas mehr als ein Prozent zu. Trotzdem gehörte die Berliner Arbeitslosenquote mit 8,8 Prozent 2022 weiterhin zu den höchsten im ganzen Land, nähert sich aber immer mehr dem niedrigsten Stand in diesem Jahrtausend. Zu Zeiten des legendären Wowereit-Zitats lag sie rund zehn Prozentpunkte höher, wie Berliner Arbeitslosenstatistiken zeigen. Hier gab es somit einen enormen Aufschwung, mit dem auch Kaufkraftzuwächse quer durch die Bevölkerung verbunden waren. Nur durch sie konnten es sich viele überhaupt leisten, trotz ständig steigender Lebenshaltungskosten weiter in Berlin zu bleiben.

Historisch hohe Investitionen

Über elf Milliarden Euro – und damit das zweitgrößte Investitionsvolumen der Stadtgeschichte – flossen 2021 nach Berlin. Große internationale Konzerne und nationale KMU wollen hier vertreten sein. Daneben hat sich Berlin zu einer Gründerhauptstadt entwickelt. Mehrere Hundert Start-ups und einige Zehntausend Gewerbeanmeldungen jährlich belegen das. Nur London konnte zuletzt mehr Gründer- und Risikokapital anziehen als die Bundeshauptstadt. Die Start-up-Szene lockt zugleich viele junge Talente an. Die jungen Menschen kommen nun nicht mehr nur zum Feiern nach Berlin. Sie wollen hier arbeiten und leben. Denn Berlin ist heutzutage nicht einfach nur sexy wie zu Wowereits Zeiten, sondern wirtschaftlich höchst attraktiv und arm schon lange nicht mehr.